Für fast jedes Problem gibt es heute eine Software. Trotzdem wechseln viele Unternehmen täglich zwischen mehreren Tools, kopieren Daten von einem System ins andere und schließen immer neue Abonnements ab. Liegt das Problem wirklich an fehlender Software oder daran, dass der eigentliche Arbeitsprozess nie hinterfragt wurde?
Die Vibe-Methode verfolgt einen anderen Ansatz. Nicht die Software steht am Anfang, sondern der Arbeitsprozess. Ich habe diesen Ansatz selbst ausprobiert und dabei einige Erkenntnisse gewonnen, die sich auf viele Unternehmensbereiche übertragen lassen.
Was ist die Vibe-Methode?
Die Vibe-Methode beschreibt einen Ansatz, bei dem nicht zuerst eine Software ausgewählt wird, sondern zunächst der gewünschte Arbeitsprozess beschrieben wird. KI unterstützt anschließend dabei, daraus Schritt für Schritt eine individuelle Anwendung zu entwickeln. Entscheidend ist dabei nicht die KI selbst, sondern die Qualität der Anforderungen. Genau deshalb beginnt die Vibe-Methode nicht mit einem Prompt, sondern mit den richtigen Fragen.
Hinweis: Der Begriff "Vibe Coding" wurde im Februar 2025 von Andrej Karpathy, Mitgründer von OpenAI und ehemaliger Director of AI bei Tesla, geprägt. Er beschreibt einen Ansatz, bei dem Software mithilfe eigener Sprache und KI entwickelt wird. Die Vibe-Methode greift diesen Gedanken auf, legt ihren Schwerpunkt jedoch auf den Arbeitsprozess und die präzise Beschreibung des Problems statt ausschließlich auf die Codeerstellung.
Quelle: Andrej Karpathy, Beitrag auf X (Februar 2025) sowie IBM Think, What is Vibe Coding? IbmWhat is Vibe Coding? | IBM

Eigenexperiment: Der Arbeitsprozess war klar. Die passende Software nicht.
Für unseren Podcast von unserem SaaS-Produkt produzieren wir aktuell zwei Folgen pro Woche mit einer Länge von jeweils rund einer Stunde. Aus jeder Folge sollten mehrere kurze Videos für Social Media entstehen. Mein erster Gedanke war einfach: Dafür gibt es bestimmt schon eine gute KI-Software. Also testete ich verschiedene Lösungen.
Opus Clip erkannte zwar interessante Stellen, häufig wurden Aussagen jedoch unglücklich zusammengeschnitten oder Passagen ausgewählt, die aus meiner Sicht gar nicht die stärksten Inhalte der Folge waren. Auch die Untertitel entsprachen nicht unserem Markenauftritt und viele Anpassungen waren nur mit einem kostenpflichtigen Abo möglich. Anschließend probierte ich Klap aus. Die Clipauswahl gefiel mir deutlich besser. Ohne Abonnement konnte ich die fertigen Videos jedoch nicht exportieren und war erneut an die Grenzen einer Standardsoftware gebunden.
An diesem Punkt stellte ich mir eine andere Frage: Warum suche ich nach einer Software, wenn ich bereits genau weiß, wie mein idealer Arbeitsablauf aussehen soll? Hier begann für mich die Vibe-Methode.
Gute Software beginnt nicht mit Code, sondern mit Klarheit
Viele verbinden Softwareentwicklung automatisch mit Programmierung. Meine größte Erkenntnis war jedoch eine andere: Nicht der Code war die eigentliche Herausforderung, sondern die Frage: Was brauche ich überhaupt?
In meinem Fall war der gewünschte Ablauf schnell beschrieben:
Podcast hochladen
Transkript automatisch erstellen
Spannende Aussagen erkennen
Passende Clips schneiden
Fertige Videos exportieren
Erst als dieser Ablauf feststand, konnte daraus Schritt für Schritt eine individuelle Software entstehen. Nicht, ich musste meinen Arbeitsprozess an die Software anpassen. Die Software entstand passend zu meinem Arbeitsprozess.

Digitalisierung beginnt mit Selbstreflexion
Als ich die Software weiterentwickelte, fiel mir etwas besonders auf, womit ich am Anfang nicht gerechnet hatte. Die größte Veränderung fand nicht in der Software statt, sondern bei mir selbst. Je länger ich an der Software arbeitete, desto häufiger merkte ich, dass ich nicht die Anwendung verbesserte, sondern mein Verständnis für meinen eigenen Arbeitsalltag.
Mit jeder neuen Version musste ich mir Fragen stellen, über die ich vorher nie bewusst nachgedacht hatte.
- Warum mache ich diesen Arbeitsschritt überhaupt?
- Warum wechsle ich zwischen mehreren Programmen?
- Welche Entscheidung treffe ich jedes Mal selbst?
- Welche könnte eine Software übernehmen?
- Welche möchte ich bewusst selbst treffen?
Probier's selbst: Schreibe deinen Arbeitsalltag einmal Schritt für Schritt auf. Du wirst überrascht sein, wie viele kleine Entscheidungen du täglich triffst, ohne sie bewusst wahrzunehmen. Genau dort entstehen oft die größten Potenziale für Automatisierung.
Erst mit der Zeit wurde mir klar, dass genau diese Fragen später zu den Anforderungen für die Software wurden.
Selbstreflexion führt zu besseren Anforderungen.
Bessere Anforderungen führen zu besserer Software.
Die KI kennt dein Problem nicht
Rückblickend war die größte Herausforderung nicht die Technik oder das Schreiben der Prompts, sondern mein eigenes Problem präzise zu beschreiben.
Als die erste Version der Software funktionierte, stellte ich schnell fest, dass sie trotzdem noch weit von dem entfernt war, was ich mir vorgestellt hatte. Nicht, weil die KI schlechte Arbeit geleistet hatte, sondern weil meine Anforderungen noch nicht konkret genug waren.
Mit jedem Test wurden deshalb nicht nur die Ergebnisse besser, sondern auch meine Fragen und Anforderungen. Aus meiner Sicht ist das die Grundlage erfolgreicher Digitalisierung.
Im Grunde unterscheidet sich das kaum von der Kommunikation zwischen Menschen. Je klarer wir ausdrücken, was wir meinen, desto geringer ist der Interpretationsspielraum und desto besser wird das Ergebnis.
Gleichzeitig entwickelt sich ein Projekt während der Umsetzung ständig weiter. Neue Ideen entstehen, bestehende Abläufe verändern sich und zusätzliche Anforderungen kommen hinzu. Genau darin liegt einer der größten Vorteile der Vibe-Methode. Die Software ist kein starres Produkt, sondern kann kontinuierlich weiterentwickelt werden. Man arbeitet gemeinsam mit der KI an einer Lösung, statt sie lediglich Aufgaben für sich erledigen zu lassen.
Was du daraus mitnehmen kannst
Jeder kennt seinen eigenen Arbeitsprozess am besten. Ganz gleich, ob als Führungskraft oder Mitarbeiter, jeder hat täglich wiederkehrende Aufgaben und Routinen.
Der erste Schritt besteht darin, sich bewusst zu machen, welche dieser Aufgaben unnötig Zeit kosten oder effizienter gelöst werden könnten. In anderen Worten: Fange an dich selbst zu reflektieren. Denn wenn du selbst nicht erkennst, welche Abläufe dich ausbremsen, wird auch eine neue Software dieses Problem nicht lösen.
Bevor du oder deine Mitarbeiter nach einer neuen Software suchen, lohnt sich deshalb eine andere Frage: Wie würde der ideale Arbeitsablauf aussehen, wenn es heute keine Einschränkungen durch bestehende Tools gäbe?
Erst wenn diese Frage beantwortet ist, wird deutlich, ob eine Standardsoftware ausreicht oder ob eine individuelle Lösung langfristig die bessere und wirtschaftlichere Entscheidung ist.
Fazit
Meine größte Erkenntnis war nicht, dass KI heute Software entwickeln kann, sondern dass gute Software mit Selbstreflexion beginnt. Wer den eigenen Arbeitsprozess nicht versteht, wird ihn auch nicht sinnvoll automatisieren können.
Deshalb bedeutet die Vibe-Methode für mich nicht, möglichst schnell eine Anwendung zu entwickeln. Sie bedeutet, den eigenen Arbeitsalltag kritisch zu hinterfragen, bessere Fragen zu stellen und daraus Lösungen entstehen zu lassen, die sich an den Menschen orientieren und nicht umgekehrt.
Die Vibe-Methode ersetzt weder Erfahrung noch Fachwissen oder eine gute Planung. Sie verändert jedoch die Art und Weise, wie Software entsteht. Statt Prozesse an bestehende Werkzeuge anzupassen, können Werkzeuge heute deutlich einfacher an bestehende Prozesse angepasst werden. Genau darin liegt aus meiner Sicht das größte Potenzial der Vibe-Methode und ein wichtiger Schritt für die Digitalisierung der kommenden Jahre.


